Bilder des Weiblichen : Ernst Weiß' "Tiere in Ketten", gegengelesen mit Henrich von Kleist

Authors: Christiane Dätsch
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Abstract

Als Dichter, Dramatiker, Essayist und Autor von 14 Romanen wurde Weiß' Werk verschiedenen Stilen und Epochen zugeordnet. In diesem Beitrag wird die These vertreten, dass sich Weiß’ expressionistische Schaffensphase als seine experimentierfreudigste bezeichnen lässt; sie schließt auch sein Interesse an Kleist ein. Davon leben nicht nur seine fiktionalen Texte, sondern auch seine Essays geben hiervon beredtes Zeugnis ab, in denen Kleist wiederholt als Referenzpunkt für die (eigene) Vernunftkritik, für die Illustration der Zerrissenheit des modernen Menschen und für ein dualistisches Weltbild herangezogen wird. Kleists Texte, so lässt sich hier lesen, sind aktuell, weil sie nicht versuchen, die Brüche, Widersprüche und Spannungen der menschlichen Existenz zu verbergen, sondern weil sie die Abgründe der Seele gestalten. Nach Weiß orientiert sich Kleist nicht am Schönen, sondern am 'Wahren' - womit das Hässliche eingeschlossen ist. Kunst, die 'wahr' sein will, muss sinnlosen Schmerz ebenso aushalten wie harmonische Gedankengebäude. Kleist beweist Größe, weil er fühlt: "Der Mensch wirft alles, was er hat, in eine Pfütze, nur nicht sein Gefühl". Diesen Satz aus dem Käthchen von Heilbronn zitiert Weiß wiederholt in seinen Essays und Würdigungen, die er 1927 zu Kleists 150. Geburtstag verfasst; laut Weiß verbindet der Satz das Prinzip der Erkenntnis mit jenem der Emotion. Die Welt, so die tiefere Botschaft dieser Verbindung, kann nicht vollständig rational ergründet, wohl aber ganz und gar erlitten werden. An diese Beobachtungen knüpft der vorliegende Beitrag an, wenn er Weiß' Roman "Tiere in Ketten" auf eine produktive Kleist-Lektüre hin befragt. Der Roman, der 1918, 1922 und 1930 in drei verschiedenen, jeweils stark überarbeiteten Fassungen erschien und damit eine Produktionszeit von über 20 Jahren aufweist, stellt nicht nur philologisch, sondern auch motivisch ein besonders interessantes Zeugnis innerhalb des Weiß'schen Œuvres dar. In allen drei Fassungen konfrontiert Weiß seine Protagonistin mit einer spezifischen Spielart der Existenz- und Erkenntnisproblematik. Er bettet ihre erlittene Ich-Dissoziation in sexuell motivierte Handlungen ein, ebenso wie in einen sozialen Diskurs über Weiblichkeit, dessen Anfänge gleichfalls im 19. Jahrhundert zu verorten sind.

Fields of Study & Subjects

German Literature and Culture Studies Modernist Literature and Criticism Comparative Literary Analysis and Criticism

Publication details

Journal / source
Publication Server of Goethe University Frankfurt am Main (Goethe University Frankfurt)
Publication date
12 January 2026
Language
DE