Das Schillern der Sümpfe : Spiegel der Mensch-Natur-Beziehung, Topos des Unbewussten (Bachofen, Benjamin, Hemingway, J.L. Burke, Tarkowskij u.a.)

Authors: Dietmar Voss
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Abstract

Um 1800 bereiteten die deutschen Romantiker die Gesellschaft auf die "Empfängnis eines neuen Messias" vor: die explosive Entfaltung der Energien von Wissenschaft, Technik, Handel, Industrie versprach eine "neue goldne Zeit". Die damit einhergehende Idee eines unendlichen Fortschritts der menschlichen Natur-Aneignung erlitt zwei Jahrhunderte später eklatant Schiffbruch. Nicht mehr abzuweisen war und ist, dass die menschengemachte Verwüstung der Erde ein Ausmaß erreichte, nach dem keinerlei 'Natur' mehr als Gegenstand und Rohstoff menschlichen Tuns fungieren kann. Die 'Second Nature' ist allgegenwärtig, prägt Körper und 'Elemente' irreversibel, was Geologen den Begriff des Anthropozäns eingab. Dieser epochale Wandel verdichtet sich nicht zuletzt im Umgang mit Sümpfen. Deren Trockenlegung zu land- und wasserwirtschaftlichen Zwecken war das Zivilisationsthema der orientalischen und mediterranen Antike. Herakles kämpft im Sumpf gegen die stymphalischen Vögel, reinigt die Ställe des Augeias, indem er Flüsse umleitet, steigt unerschrocken in die Unterwelt. Goethes Faust lässt die Lemuren zum Zwecke der Landnahme Dämme bauen, Kanäle anlegen ("Wie das Geklirr der Spaten mich ergetzt!") und hegt das Projekt, große Sumpfgebiete trockenzulegen: "Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,/Verpestet alles schon Errungene;/Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,/Das Letzte wärʼ das Höchsterrungene", was "vielen Millionen" neue Lebensräume böte. Noch in den 1960er Jahren plante die US-Regierung eines der größten Sumpfgebiete der Erde, die Everglades in Florida, vollständig trockenzulegen. Dabei wurden sie schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts durch Kanäle und Dämme systematisch zerstört, ausgebeutet zur Trinkwassergewinnung für Metropolen wie Miami. Seit 1993 stehen die Everglades auf der 'roten Liste' der UNESCO, gehören sie offiziell zum bedrohten Welterbe. Anfang des 21. Jahrhunderts dann die Wende: Man bringt Renaturierungsprogramme zur 'Wiederherstellung' der Sümpfe auf den Weg, legt Wasserrückhaltegebiete an. Kurzum: Nachdem die Bedeutung der Sümpfe für die globale Biosphäre, akut gefährdet durch den Klimawandel, nicht mehr zu ignorieren war, entsteht die Sumpfwelt als künstliches Biotop.

Fields of Study & Subjects

Ecocriticism and Environmental Literature German Literature and Culture Studies Literary Analysis and Cultural Studies

Publication details

Journal / source
Publication Server of Goethe University Frankfurt am Main (Goethe University Frankfurt)
Publication date
12 January 2026
Language
DE