Aquatische Relektüre : Christian Petzolds "Undine" erklärt Berlin und geht

Authors: Rita Morrien
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Abstract

Der Name Berlin bedeutet anderes als gemeinhin angenommen. Die Silbe "berl" geht auf das altslawische Wort für Sumpf zurück, hat also nichts mit dem populären Wappentier der Stadt, dem Berliner Bären, zu tun, sondern erklärt sich vermutlich dadurch, dass die frühe Siedlungsgeschichte im heutigen Stadtgebiet von Berlin durch slawische Stämme geprägt wurde. Im 18. Jahrhundert wurde die Stadt Berlin auf einem trockengelegten Sumpfgebiet gebaut – das Werk von Friedrich dem Großen -, damit sich Deserteure dort nicht verstecken können, so Christian Petzold in einem Gespräch über seine filmische Adaption des Wasserfrauenmythos Undine. Die touristischen Anziehungspunkte der Stadt, etwa das Regierungsviertel, die Museumsinsel und das Humboldt Forum im neu errichteten Berliner Stadtschloss, liegen direkt am Wasser, an den Ufern der Spree. Dieses Oszillieren zwischen dem Festen und dem Flüssigen, dem geordneten Grund und dem bewegten, fluiden Element teilt Berlin mit vielen bedeutenden Städten der Welt, ist Wasser doch nach Hartmut Böhme nicht nur lebenstragendes Element, sondern Sinnbild einer umfassenden Liquidität, Vernetzung und Ubiquität: Das Wasser gehört seit jeher zu den zentralen Verkehrswegen und ist gerade in der historischen Perspektive eine Voraussetzung für das Florieren und Expandieren von Städten und Nationen sowie von überseeischen Verbindungen. [...] In dieses durch die Geschichte hindurch immer wieder gewendete und mit unterschiedlichen Bedeutungen - auch Ideologien - befrachtete Berlin versetzt Christian Petzold eine ganz und gar unzeitgemäße und hoffnungslos deplatzierte Figur, nämlich den Elementargeist Undine, der, wie wir aus Fouqués tiefromantischer gleichnamiger Novelle (1811) wissen, den für den ewigen Liebesbund auserkorenen Menschenmann töten muss, sollte dieser sein Treuegelübde brechen und Verrat an der Undinen-Welt begehen. So will es das Gesetz der Elementargeister, das in Petzolds Adaption auch im hippen Berlin der 2010er Jahre noch Gültigkeit hat, wenngleich die Exekutive, die bei Fouqué in Gestalt von Undines Oheim Kühleborn auftritt im Film in stark verfremdeter Form agiert.

Fields of Study & Subjects

Spatial and Cultural Studies German Literature and Culture Studies Literature and Culture Studies

Publication details

Journal / source
Publication Server of Goethe University Frankfurt am Main (Goethe University Frankfurt)
Publication date
12 January 2026
Language
DE