"Den Schwulen lass hier mal weg!" : Blinde Flecke einer heteronormativen Martin-Walser-Lektüre

Authors: Detlef Grumbach
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Abstract

Anselm Kristlein, erfolgloser Vertreter (Haustürgeschäfte) und Protagonist in Martin Walsers Roman Halbzeit (1960), ist zu Beginn des Romans gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden. Er braucht Geld, will es sich bei seinem Freund Edmund Gabriel leihen und trifft ihn in einem Café. "Auf seinem Stuhl sah ich den anthrazitgrauen Hämorrhoidenring, den er ohne Scheu überall hin mitnahm, wo er zu sitzen gedachte" (H, 166). Eine schamlose Person ist dieser Edmund, und der Eindruck, den Walser beim ersten Auftritt der Figur vermittelt, wird in der kleinen Szene sofort noch einmal verstärkt. Denn bevor Anselm überhaupt sein Anliegen vortragen kann, überfällt Edmund ihn mit seinen aktuellen Nöten. Edmund, Angestellter einer Werbeagentur, ist tags zuvor im Freibad den Reizen eines schönen Knaben erlegen und soll jetzt den Preis dafür zahlen: "stell Dir vor, eine Haut nach der zweiten Rasur […], zeigt mir sein Paket in der Badehose, […] macht mich butterweich […], na ja, und abends kommt er mit seiner Mutter zu mir und sie verlangen Geld" (H, 168f.). [...] Mitten in der restaurativen Adenauer-Ära führt Martin Walser hier eine schwule Figur in seinen Roman ein, deren Erscheinen auf den ersten Blick Tabus und antischwule Klischeevorstellungen (Sex mit Minderjährigen) evoziert und die zugleich als Opfer gesellschaftlicher Repression und Strafverfolgung gezeigt wird. [...] Eine zentrale schwule Figur in Halbzeit kann aber auch heute noch überraschen, denn sie ist in Rezensionen und der umfangreichen Sekundärliteratur bislang kaum je analysiert worden. In der zeitgenössischen Rezeption weist allein Horst Bienek im Rahmen seines Werkstattgesprächs mit Walser auf das "Wohlwollen" hin, mit dem "der scharfsinnige, sehr gescheite Edmund" dargestellt wird und fährt fort, "und er ist ausgerechnet ein Homosexueller". Martin Walser weicht aus: "Ja, darauf will ich noch nicht eingehen". Hätte Bienek insistiert, hätte er sich womöglich selbst als schwul verdächtig gemacht, denn wieso stellt schon jemand so eine Frage? Bienek insistiert nicht, das Thema verläppert und auch später äußert Walser sich nicht. [...] Die geballte Ladung antischwuler Vorurteile und Klischees, die das Bild des Verführers eines Minderjährigen abrunden, triefen vor Ironie. Der Autor kann das nicht ernst gemeint haben. Aber wie hat er es gemeint?

Fields of Study & Subjects

German Literature and Culture Studies Gender and Feminist Studies German legal social and political studies

Publication details

Journal / source
Publication Server of Goethe University Frankfurt am Main (Goethe University Frankfurt)
Publication date
12 January 2026
Language
DE