Wie Franz Kafka im Büro zum Schriftsteller wird

Authors: Roman Halfmann
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Abstract

In einem Brief an den Freund Max Brod aus dem Jahr 1918 zeigt Kafka fasst beiläufig eine Problematik an, die er in einem verallgemeinerten Sinn als durchaus bedeutsam für die Künstlerthematik erachtet: "Darum scheint mir jede Kritik, die mit Begriffen von Echt, Unecht umgeht, und Wille und Gefühl des nicht vorhandenen Autors im Werk sucht, ohne Sinn und eben nur dadurch zu erklären, daß auch sie ihre Heimat verloren hat und alles eben in einer Reihe geht, ich glaube natürlich: die bewusste Heimat verloren hat". Kafka beschreibt dies dem Freund als Selbstverständlichkeit und hält seine Ausführungen daher neutralen Tones, gleichwohl natürlich der Terminus des bewussten Heimatverlustes zuerst einmal eine im Grunde negative Konnotation beinhaltet; dass die Trennung von Werk und Autor - und somit die Idee fehlender Urheberschaft - aber für Kafka durchaus ein Idealzustand, wenngleich nicht die normale Situation der Kunstproduktion ist, deutet er einige Zeilen vorher an Brod an [...] Eine Wunschvorstellung geradezu paradiesischer Natur, die allein mit Hilfe künstlerischer Mittel darzustellen ist; wie das 1917 verfasste Fragment "Beim Bau der chinesischen Mauer" vorführt, in dem eine in jeder Hinsicht erschöpfende Erörterung über die Verfasstheit eines Volkes stattfindet, welchem ein derartiges Vorhaben erreichbar ist - und, vor allem, wie es in die Lage dazu versetzt wird. [...] Der Erzähler bricht hiernach mit dieser Ebene des Diskurses ab, da weitere Reflexionen hierüber das fragile System zum Einsturz bringen würden. Kurz danach bricht auch Kafka den Text ab, womöglich, da die Konklusion aus all dem bereits zuvor formuliert worden ist, hat der Forscher vergleichender Völkergeschichte doch herausgefunden, "daß wir Chinesen gewisse volkliche und staatliche Einrichtungen in einzigartiger Klarheit, andere wiederum in einzigartiger Unklarheit besitzen". Die Besonderheit als Einzigartigkeit scheint daher eigentlich nicht einmal mehr erklärlich, sondern allein in der vergleichenden Setzung zu anderen Völkern andeutend zu beschreiben. In eben diesem Sinn steht auch das literarische Werk also letztlich ohne Autor für sich allein - die ambivalente Situation der Verfasserschaft im Büro wäre damit ideales Symbol jener allgemeinen Situation und das Verschwinden des Autors hinter Akronymen oder einem Verfasserkonglomerat zwar nicht gewolltes Agieren, aber eben doch die beste für Kafka denkbare Möglichkeit, die Problematik einer Literatur zu lösen, die keine Heimat hat; der Autor enthebt sich damit bewusst und gewollt der Verantwortung, indem er eine Erfahrung übernimmt, die letztlich dem Beamtentum entstammt.

Fields of Study & Subjects

Franz Kafka Literary Studies German Literature and Culture Studies Central European Literary Studies

Publication details

Journal / source
Publication Server of Goethe University Frankfurt am Main (Goethe University Frankfurt)
Publication date
12 January 2026
Language
DE