Vom umstrittenen Kindermärchen zum Klassiker des Balletts : E. T. A. Hoffmanns Nußknacker bei Alexandre Dumas, Vasily Vainonen und Christian Spuck
Abstract
Die Entwicklung von Hoffmanns Märchen zur festen kulturellen Tradition, zur "Institution", wird an folgende Faktoren gebunden: (1) die interkulturelle Transposition, also den Gang in die Welt; (2) die intermediale Transposition, d. h. die Bewegung in andere Medien; (3) die engere Anbindung an das Weihnachtsfest als ein in christlich geprägten Gesellschaften transkulturell wirksamer, vertrauter Bezugspunkt; (4) die Vereindeutigung; (5) die Emanzipation vom Ursprungstext, indem die Adaption selbst zum Ausgangspunkt für Neuinterpretationen wird. Die in den ersten beiden Punkten beschriebene doppelte Bewegung erfolgt durch die Adaption im Ballett, zu der Marius Petipa und Iwan Wsewoloschki das Libretto, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky die Musik und Lev Ivanov die Choreographie schufen, und die im Dezember 1892 im kaiserlichen Mariinsky Theater St. Petersburg uraufgeführt wurde. Im Winter 2024 wird The Nutcracker erneut in Sydney aufgeführt. Weitere Inszenierungen finden sich, allein im Jahr 2024, u. a. im Programm des English National Ballet in London, der Opéra National de Paris, des New York City Ballet (das die als Klassiker beworbene Produktion jedes Jahr zur Aufführung bringt), und in der Tivoli Concert Hall in Kopenhagen. Das Libretto basiert wiederum auf einer französischen Nacherzählung von E. T. A. Hoffmanns "Nußknacker und Mausekönig" (1816) durch Alexandre Dumas: "Histoire d’un casse-noisette" (1844). Filme wie "The Nutcracker Prince" (CA 1990, R.: Paul Schibli), The Nutcracker and the Four Realms (USA 2018, R.: Lasse Hallström/Joe Johnston) oder der an Kinder gerichtete Comic von Natalie Andrewsen (2024) haben die Adaptionsgeschichte mit weiteren Medienwechseln fortgeschrieben. Der Beitrag nimmt diese Adaptionsgeschichte in den Blick, indem ausgewählte Werke in vergleichender Perspektive untersucht werden. Adaptionen werden dabei mit Linda Hutcheon als eigenständige Produkte begriffen, die sich in einem im Einzelfall unterschiedlich ausbalancierten Prozess der Wiederholung und Variation auf einen Prätext beziehen und die daher, wenn sie als Adaptionen betrachtet werden, eine inhärente Vielschichtigkeit aufweisen. Dabei wird die Rezeption, im Sinne von Punkt 5, nicht als linearer Prozess vestanden, sondern als Beziehungsgeflecht.4 Dass ein solches Verständnis sinnvoll ist, zeigt etwa die Rückkehr zu Hoffmann in der Züricher Ballett-Inszenierung. Eine komparatistische Untersuchung lässt eine Dialektik zwischen Vereindeutigung und Mehrdeutigkeitssteigerung hervortreten, die den Nussknacker zu einem Stück ‚Weltliteratur‘ macht, das auch zweihundert Jahre nach Hoffmanns Tod noch zur künstlerischen Bearbeitung anregt.
Fields of Study & Subjects
German Literature and Culture Studies
Shakespeare
Adaptation
and Literary Criticism
Comparative and World Literature
Publication details
- Journal / source
- Publication Server of Goethe University Frankfurt am Main (Goethe University Frankfurt)
- Publication date
- 2 February 2026
- Language
- DE