Die Verwerfung von Magie und Exotik : zur neuen Trans-/Internationalität des lateinamerikanischen Romans (bei den Gruppen "Crack" und "McOndo")
Abstract
Während die lateinamerikanische Literatur bis weit in die 1960er Jahre hinein stark national vermarktet und rezipiert wurde, treten mit dem Boom einige signifikante Veränderungen ein: Zunächst setzt eine transnationale, d. h. innerhalb des südamerikanischen Subkontinents auch über die jeweiligen Landesgrenzen hinaus wirkende Rezeption ein, während bis dahin z. B. die argentinische Literatur in Chile oder Mexiko nur in geringem Maße gelesen und beforscht worden war. [...] Dieser Phase folgt unmittelbar die Internationalisierung der Boom-Literatur, die von US-amerikanischen Verlagen (Alfred Knopf) sowie von europäischen Häusern (Seix Barral in Spanien, Einaudi in Italien, Gallimard in Frankreich, Suhrkamp in Deutschland) forciert wird. [...] Dieser 'universale Gehalt' der lateinamerikanischen Literatur (bzw. des Boom-Romans) war sicherlich für den Germanisten Rickes ein Grund, sich auf den Spuren seines geschätzten Autors Kehlmann der lateinamerikanischen Literatur als einer (in der Breite der Sinnhorizonte) magischen (oder phantastischen) zuzuwenden. Doch die internationale Lateinamerikanistik - gerade auch die deutsche - hat längst eine gänzlich andere, kritische Position zur Boom-Literatur (und damit auch zum 'Magischen Realismus') eingenommen, und zwar aus zwei Gründen: einmal hat der lateinamerikanische Roman im Sektor des Politischen eine den gesamten Subkontinent betreffende „institutionalisierte Utopie“ (Gesine Müller) verloren (und sich auf lokale oder dystopische Entwicklungen verlegt), andererseits wird das ästhetische Paradigma des ‚Magischen Realismus‘ lateinamerikanischen Zuschnitts von globaleren Entwicklungen grundsätzlich in Frage gestellt. Ein vom Kontext gelöstes unkritisches Lob der international wirkmächtigen lateinamerikanischen Romane der 1960er und 1970er Jahre wird dabei als Ergebnis einer problematischen, eurozentrischen und kulturhegemonial begründeten Exotisierung betrachtetet.9 Dass sich die stark unterschiedlichen Literaturen Mittel- und Südamerikas in den letzten vier Jahrzehnten grundlegend vom 'Magischen Realismus' und seinen Spielarten abgewandt haben - so sehr dieses auch den Kulminationspunkt einer Erfolgsgeschichte darstellte -, liegt dem nach darin begründet, dass die Problemkreise von individueller und kollektiver Gewalt, von Drogenkriegen, von Landflucht und Ökologie, von explodieren den Metropolen, von Internationalisierung und Globalisierung, vom Anthropozän, von den fragilen Konstellationen postdiktatorialer Gesellschaften und viele andere Themen den gegenwärtigen Romandiskurs auch in Lateinamerika ebenso bestimmen wie die bekannten globalen (oder universalen?) Kernthemen etwa Genderfragen oder zwischenmenschliche Beziehungen. Für die Schwärme gelber Schmetterlinge kann sich indes niemand mehr erwärmen. Daher entsteht im 21. Jahrhundert das Bedürfnis nach anderen, neuartigen Begründungskontexten für die Internationalität lateinamerikanischer Schreibweisen, wie wir sie zumindest im Ansatz bei den Gruppen "Crack" und "McOndo" antreffen.
Fields of Study & Subjects
Latin American Literature Analysis
Literature
Magical Realism
García Márquez
Comparative and World Literature
Publication details
- Journal / source
- Publication Server of Goethe University Frankfurt am Main (Goethe University Frankfurt)
- Publication date
- 2 February 2026
- Language
- DE