Die Internationalität des Nationalen : Joseph Conrad im Herzen der englischen Literatur
Abstract
Joseph Conrads Romane und Erzählungen nehmen eine zentrale Stellung im Kanon der englischsprachigen Literatur ein. Dort werden seine Werke als Übergangsphänomene zwischen viktorianischem Realismus, Fin de siècle-Dekadenz und modernistischem Experiment, aber auch als fiktionale Reaktionen auf das sich gerade seinem Höhepunkt nähernde Britische Empire angesehen. Diese Kanonisierung Conrads lässt sich bereits früh nachweisen. "The great English novelists are Jane Austen, George Eliot, Henry James and Joseph Conrad", beginnt der einflussreiche New Critic F. R. Leavis seine Studie "The Great Tradition" von 1948. Heute ist der kanonische Status von Conrads Werken als Pfeiler der englischen Literatur so stark, dass man Studierende daran erinnern muss, dass sich hinter dem Pseudonym Joseph Conrad die Person Józef Teodor Konrad Korzeniowski verbirgt. [...] In einem zweiten Schritt werde ich dann an einigen ausgewählten Texten Conrads zu beleuchten suchen, wie das Thema des Eindringlings und der vermeintlichen Assimilation in seinen Werken zentral bleibt, wie also die Texte selbst auf das ideologische und kanonische Umfeld reagieren, an dessen Erschaffung sie selbst Anteil haben. [...] Die Methoden, die ich im weiteren Verlauf dieses Aufsatzes für die Analyse von Conrads erstem veröffentlichten Roman "Almayer's Folly" nutzen werde, sind anders als die biografischen und kontextuellen, die bislang sichtbar wurden, zum einen formal-stilistischer Art. Zum anderen werde ich etablierte postkoloniale Ideen wie die der Hybridisierung oder der Mimikry verwenden, diesmal aber nicht angewandt auf Objekte oder Texte aus Kolonien, sondern auf die Beiträge eines vermeintlich assimilierten und naturalisierten britischen Untertanen zur nationalen und kulturellen Identität Großbritanniens im frühen 20. Jahrhundert. Auch hier wird das Thema die Struktur und Position dieses vermeintlichen Selbsts im Zusammen- oder Gegenspiel mit dem Anderen sein, und es werden sich dabei Fragen nach der ontologischen Paradoxie der sogenannten Nationalliteraturen und -kulturen stellen. Einfacher ausgedrückt: Was macht Texte zu Repräsentanten nationaler, gar imperialistischer Ideologie? Ihre Verfasser, ihre Schauplätze und Themen oder ihre oft komplexen Positionen gegenüber all diesen Aspekten?
Fields of Study & Subjects
Joseph Conrad and Literature
American and British Literature Analysis
Postcolonial and Cultural Literary Studies
Publication details
- Journal / source
- Publication Server of Goethe University Frankfurt am Main (Goethe University Frankfurt)
- Publication date
- 2 February 2026
- Language
- DE