Interaktionsregeln in innerbetrieblichen sozialen Welten
Abstract
Die Regeln, nach denen sich die Mitglieder einer Gemeinschaft in bestimmten kommunikativen Situationen miteinander und zueinander verhalten, sind ein wesentliches, für die soziale Ordnung in der Gemeinschaft konstitutives Element. Als Anfang der 60er Jahre durch Arbeiten von Hymes und Gumperz die Ethnografie des Sprechens ins Leben gerufen wurde, waren die so genannten Regeln des Sprechens deshalb ein wichtiger Bestandteil für die Beschreibung partikulärer Eigenschaften von Sprachgemeinschaften (speech communities). Regeln des Sprechens sind die Verbindungsmomente, mit denen die Gemeinschaftsmitglieder bestimmte Situationen und Settings mit spezifischen Formen der Sprachverwendung korrelieren. Regeln des Sprechens können die thematische Steuerung des Gesprächs betreffen, sie können die für einen bestimmten Gesprächskontext geltenden Höflichkeitsmechanismen enthalten, sie umfassen Konventionen in Bezug auf die Rederechtsverteilung und sogar in Bezug auf prosodische Eigenschaften des Sprechens (z.B. die Lautstärke des Sprechens in der Kirche und auf dem Wochenmarkt). Regeln des Sprechens sind kulturell determiniert. Sie gelten für und in einem bestimmten Adressatenkreis, der in einer mehr oder weniger geschlossenen Gemeinschaft lebt, die typischerweise neben den Interaktionsregeln eine Reihe weiterer Kodizes zur Identitätsbildung und -bewahrung pflegt, z.B. im Umgang mit Körperlichkeit (Kleidung, Schmuck, Bemalung etc.), mit Technologien und mit Kunst. Die exakten Grenzen der Gemeinschaft sind dabei nicht von vorneherein festlegbar, sondern sind im Hinblick auf die von den Gemeinschaftsmitgliedern beanspruchten Räume zu ermitteln. Die Ethnografie des Sprechens bzw. der Kommunikation betont deshalb u.a., dass die kulturelle Determiniertheit des sprachlichen Handelns Anlass dazu geben müsse, den Untersuchungsgegenstand in Sprachgemeinschaften und nicht in der isolierten sprachlichen Handlung zu suchen. Dadurch gelingt es ihr, systematische Zusammenhänge zwischen einer Sprachgemeinschaft, sprich: einem sozialen, makrostrukturellen Verbund, und konkreten Aktivitäten in der verbalen Interaktion zu formulieren. Regeln des Sprechens gelten insbesondere in Zusammenhang mit kommunikativen Ereignissen, deren Spezifik sich grundsätzlich erst über die für sie jeweils geltenden sprachgemeinschaftlichen Regeln definieren lässt.
Fields of Study & Subjects
Hermeneutics and Narrative Identity
Aging
Elder Care
and Social Issues
Health
Medicine and Society
Publication details
- Journal / source
- Publication Server of the Institute for German Language (Institute for German Language)
- Publication date
- 9 July 2026
- Language
- DE
- Document type
- Book chapter